Als ich in der 11. Klasse war, verbrachte mein Freund ein Jahr an einer amerikanischen Highschool. Beinahe wöchentlich rief er an und berichtete von seinem Leben in Los Angeles, von Sonne, Strand und Hollywood. Ich wurde immer neugieriger auf das Land der unendlichen Möglichkeiten und beschloss daher, nach der Schule einige Zeit dort zu verbringen. Ganz schnell war klar: Ich werde Au Pair in Amerika!
Au Pair in den USA, das bedeutete ein Jahr weg von zu Hause, ein Jahr Verantwortung tragen, ein Jahr aufregende, neue Erfahrungen. Die USA reizten mich einfach, vor allem deshalb, weil keiner von meiner Schule verstehen konnte, was ich da wollte. Alle waren der Meinung, dass man über dieses Land schon genug wisse, es täglich erfahre und über habe. Außerdem glaubten meine Mitschüler, alle Amerikaner wären oberflächlich und hätten keine Kultur. Ich wollte unbedingt heraus finden, ob die USA wirklich so sind, wie sie aus der Ferne wirken und wie alle anderen glaubten. Ich wollte alles aus der Nähe sehen und mir ein eigenes Bild von Land und Leuten machen.
Der Job als Au Pair war dafür eine wunderbare Möglichkeit. Ich habe Kinder gern und hab daher schon während der Schulzeit als Nachhilfelehrerin und Babysitterin gejobbt. Ich informierte mich also im Internet über Möglichkeiten, als Au Pair in die USA zu gehen. Schnell entdeckte ich, dass man sich dazu bei einer Organisation bewerben muss. Ich entschied mich für AIFS(damals noch GIJK). Alles ging recht schnell, ich bekam Referenzschreiben von meinem Lehrer und einer Mutter, auf deren Kinder ich viele Male aufgepasst hatte, ging zum Interview, entschied mich für eine Familie aus Chicago, bekam ein Visum – und am 28. Juli 2003 ging es los. Meine Eltern und meine besten Freunde brachten mich zum Flughafen. Und dann plötzlich fragte ich mich, wie in Gottes Namen ich bitteschön auf so eine blöde Idee gekommen sein konnte – ein Jahr in den USA, was wollte ich da bloß?!?! Meine Panik brachte wahre Heulattacken mit sich, und so fragte mich der Sicherheitsbeamte am Durchgang zum Gate auch ganz behutsam, ob ich für länger weg wolle? „Ja, für ein Jahr in die USA,“ schluchzte ich. „Aber das ist doch schön,“ antwortete er. „Nee, das ist ganz furchtbar,“ brachte ich mit einem tiefen Seufzer todernst hervor. Eine Unterhaltung, über die ich heute noch lachen muss, denn ich täuschte mich damals doch ziemlich.
Im Flugzeug traf ich auf viele andere Mädchen, die dasselbe vorhatten wie ich, so war mein Kummer recht schnell vergessen. Am Flughafen in New York wurden wir dann von einem Bus abgeholt und zum Hotel bzw. der "orientation school<" gebracht. Dort lernten wir dann vier Tage lang alles, was ein Au Pair wissen sollte: Kulturelle Eigenheiten des Landes, Erste Hilfe am Kind, Beschäftigungsmöglichkeiten und vieles mehr. In der Theorie klingt das ganz gut, in der Praxis ist das Ganze noch etwas ausbaufähig, denn ich wusste bereits einige Wochen später kaum noch, was ich in der Orientation School gelernt hatte. Wir waren sowieso alle viel zu gespannt darauf, endlich unsere Familie und unsere neue Heimat kennen zu lernen, da war nicht viel mit Konzentration. Ich wollte endlich "meinen" Michael, "meine" Jessica und natürlich meine Gasteltern Dan und Jan kennen lernen.
Meine neue Heimat – ein Vorort von Chicago, Illinois
Dann war es soweit, am Flughafen in Chicago traf ich auf meine Familie. Sie waren nicht schwer zu übersehen, von den Vieren hatten drei feuerrote Haare. Außerdem waren sie mit Luftballons und Willkommensschildern geschmückt: Welcome to America! Mein Leben mit einem fünfjährigen Jungen und einem achtjährigen Mädchen begann.
Die ersten Tage waren nicht so einfach, da meine Vorgängerin Pippa aus Südafrika noch da war. Das war lieb gemeint, damit sie mir alles zeigen konnte, ging aber etwas nach hinten los, weil die Kinder natürlich an sie gewöhnt waren und mich weder als Autorität an sich noch als ihr Au Pair überhaupt betrachteten. Außerdem wohnte Pippas beste Freundin gegenüber bei den Nachbarn, sie verbrachten natürlich jede freie Minute miteinander und ich war das fünfte Rad am Wagen. Nach einer Woche reisten die beiden jedoch ab und auch gegenüber traf das Nachfolge-Au Pair ein:
Dani aus Deutschland. Sie lebte bei den besten Freunden meiner Familie. „Unsere“ Kinder spielten quasi jeden Tag zusammen, gingen zusammen zur Schule, zum Fußball und zum CCD (eine Art Religionsunterricht). Die Familien bildeten Fahrgemeinschaften, machten gemeinsame Barbecues, wir benutzten den Pool unserer Nachbarn usw. Eigentlich waren wir eher eine große Familie als zwei kleine. Das hatte viele Vor-, aber auch eine Menge Nachteile. Die Zuständigkeitsbereiche waren nicht sonderlich klar, und wurden besonders von Dani's Gasteltern gerne so ausgelegt, wie es in der jeweiligen Situation für sie am passendsten war. Die „Fitz's“ hatten drei Kinder: Kaleigh, damals 5 Jahre, T.J., 7 Jahre und Lexie, 8 Jahre alt. Gut erzogen war sicherlich etwas anderes. Da Dani „Educare“ war, also 10 Stunden weniger die Woche arbeitete als ich, arbeitete ich nachmittags noch circa drei Stunden, wenn bei den Fitz's schon der Dad zuständig war. Der hatte aber lieber frei und war gut darin, seine nicht ganz einfachen Kinder ganz unauffällig zu mir abzuschieben. T.J. wollte mit Michael spielen, Lexie mit Jessica, und schwupps war auch schon Kaleigh da, weil sie sich zu Hause so alleine fühlte. Oft genug kam dann auch Dani, um mich zu unterstützen, und war somit irgendwie doch nicht „off“. Zum Glück verstanden wir uns prächtig, wir waren vom ersten Tag an immer füreinander da und verbrachten jede freie Minute miteinander. Abends gingen wir in die Mall, spielten in ihrem Keller Billard oder gingen „to the movies“.
Auch mit meiner Familie klappte in den ersten Monaten alles sehr gut, ich verbrachte einen traumhaften Sommer. Die Kinder akzeptierten mich schnell und bis auf ein paar alltägliche Streitigkeiten kamen wir prima miteinander aus. Ich hatte Spaß an dem Job und fühlte mich auch in Amerika rund um wohl. Im September flog ich für ein Wochenende ganz spontan nach Atlanta, wo meine beste Freundin aus Deutschland drei Monate verbrachte. Auch in diesem Punkt waren Jan und Dan super, denn sie gaben mir den Freitag frei und brachten mich am Donnerstag sogar zum Flughafen. Das funktionierte auch nur deshalb, weil Jan manchmal von zu Hause arbeiten konnte. Zu meinem Leidwesen tat sie das meistens einmal die Woche, dann hörten die Kids kaum auf mich und liefen wegen jeder Kleinigkeit zu ihrer Mutter. Jan verhielt sich dabei nicht richtig, denn anstatt die Kinder auf mich zu verweisen, erlaubte sie ihnen Dinge, die ich gerade verboten hatte und schlichtete Streits zwischen den beiden, bei denen nicht sie, wohl aber ich, dabei gewesen war. Jessie war recht klug und bekam ziemlich schnell heraus, dass sie Eltern und Au Pair gegeneinander ausspielen konnte. Ich habe bis heute nicht verstanden, wieso genau sie das tat, aber vielleicht haben Kinder auch keinen anderen Grund als einfach, ihre Grenzen austesten zu wollen. Das tat Jessie zur Genüge. Es gäbe tausend Geschichten zu erzählen, doch eine blieb mir ganz besonders im Gedächtnis und repräsentiert am Besten das Problem: Jessie wollte nachmittags spontan eine Freundin besuchen. Ich sagte ihr, dass sie das mit ihrer Mutter absprechen müsste, denn ich kannte die Freundin nicht, wusste weder wo sie wohnte noch ob die Kids am Abend mit ihren Eltern verplant waren. Jessie rief bei ihrer Mum an. Ich sprach auch kurz mit ihr und fragte nach dem Wohnort der Freundin. Die Straße wusste sie leider auch nicht. Bevor Jessie bei ihrer Freundin anrief, um ihr Kommen anzukündigen, bat ich sie, nach Straße und Hausnummer zu fragen. Sie protestierte und meinte, sie wüsste wo die Freundin wohne. „Bestimmt, sagte ich, aber nur für den Fall, frag lieber noch einmal.“ Trotzkopf Jessie fragte natürlich nicht. Sie rief aus irgendeinem Grund sogar noch ein zweites Mal an, fragte aber wieder nicht, obwohl ich sie nochmals darum bat. Dann sagte ich, ich würde noch einmal bei der Familie anrufen und fragen, aber Jessie war nicht bereit, mir die Nummer zu sagen. Also sagte ich ihr, ich würde sie jetzt fahren, aber wenn sie nicht wüsste, wo es sei, würde ich wieder umdrehen. Dann könnte sie anrufen und erklären, dass sie nicht kommen könnte, weil sie zu trotzig war, um nach der Straße zu fragen. Schon bei der ersten Kreuzung wusste ich, dass sie keine Ahnung hatte, denn sie sagte mir genau die falsche Richtung. Mir war auch vorher klar, dass sie es kaum wissen würde, ich wusste als Achtjährige auch nicht, wie ich von A nach B kam. Wir fuhren circa eine halbe Stunde ständig falsch. Jessie wollte mir zwischendurch sogar weiß machen, sie wüsste nicht wo rechts und links ist und lauter solchen Mist. Dreimal sagte ich, dass ich jetzt zurückfahren würde und gab ihr dann doch noch eine Chance. Als sie anfing mich anzukreischen, dass ich absichtlich nicht richtig abbiegen würde, hatte ich die Nase voll und fuhr zurück nach Hause. Auf mein Geheiß rief sie dann ihre Freundin an. Aber statt die Wahrheit zu sagen, sagte sie, sie könne leider nicht kommen, weil ihr Au Pair den Weg nicht finden könne. Ganz lieb meinte sie dann noch, die Familie wäre bereit, mir den Weg zu erklären. Ich habe gesagt, dass sie sich das abschminken könne, ich würde sie nicht fahren. Ich lass mich doch nicht veralbern, es war ja auch nicht das erste Mal, dass sie so eine Show abzog. Hätte sie es aus Unwissenheit getan, dann hätte ich sie ja noch einmal gefahren, aber sie versuchte ja bloß zu sehen, wie weit sie gehen konnte, und ich wollte mir das nicht bieten lassen. Abends kam dann Jan zu mir und meinte, sie müsste mit mir reden. Jessie hätte ihr erzählt, dass sie nicht bei ihrer Freundin gewesen wäre, weil ich zu faul gewesen sei, sie zu fahren. Ich konnte kaum glauben, dass die Kleine wirklich so eiskalt log. Aber das Jan es auch noch glaubte, war unfassbar für mich. Ich verteidigte mich, aber natürlich fühlte ich mich blöd, auch wenn Jan mir schließlich glaubte. Anstatt aber ihr Kind in die Schranken zu weisen, tröstete sie sie und versprach, dass Jessie die Woche drauf dort spielen dürfte. Vielleicht hätte ich von Anfang an sagen sollen, entweder sie fragt nach der Straße, lässt mich danach fragen oder sie kann dort eben nicht spielen, ohne mich auf das ganze Herumgefahre einzulassen. Aber dann hätte es abends geheißen, ich hätte nicht mal suchen wollen...Irgendwas fiel ihr, wenn sie es darauf anlegte, immer ein, um mich in eine blöde Situation zu bringen, in der ich mich verteidigen musste.
Nach einigen solcher Geschichten überlegte ich, die Familie zu wechseln. Ich liebte meinen Michael heiß und innig, und auch Jessie hatte ich lieb, solange sie sich wie ein normales Kind verhielt. In den meisten Momenten kam ich auch mit meinen Gasteltern gut klar. Aber mit Jessie wusste ich einfach nicht mehr weiter. Ich hatte alles probiert: Reden, bestrafen, wieder reden, Belohnungen, eine besondere Bindung aufbauen, ihr das Gefühl geben, als gleichwertige Freundin für mich zu gelten, ich sprach mit meinen Gasteltern – nach jedem Neustart lief es für ein paar Tage oder auch Wochen super, doch dann verfiel Jess wieder in ihre alten Marotten und alles ging von vorne los. Ich entschied mich schließlich trotzdem zu bleiben. Ich hatte einfach so viele liebe Freunde in der Gegend, und ich wollte kein Au Pair Dasein ohne Dani und ohne Michael. Vielleicht war das ein Fehler, ich kann es bis heute nicht so richtig sagen.
Auch Dani hatte es mit ihrer Familie und ihren verzogenen Kids nicht leicht. So einige Male geriet ich heftig zwischen die Fronten, wenn ich sie verteidigte. Ihr Hostdad war chronisch unfair und ich bin eine aufbrausende Natur. Doch seit es ganz zu Beginn so richtig krachte und unsere Familien dadurch für Tage zerstritten waren, lernte ich, so einiges einfach hinunter zu schlucken. Und die Kids? Tja, irgendwann hat man auch kleine Teufel einfach lieb. Im Grunde genommen konnten sie ja auch nichts dafür, die Eltern versuchten einfach mit Unnachgiebigkeit gut zu machen, dass sie so wenig Zeit für ihre Kinder hatten, oder waren schlichtweg zu bequem, um konsequent zu sein. Wir hatten trotz allem viel Spaß mit den Kindern, vor allem mit Kaleigh und Michael. Da diese um 12 vom Kindergarten kamen, verbrachten wir die meiste Zeit mit ihnen, gingen mit ihnen in den Park, zum Spielplatz, zur Bücherei usw. Michael war meiner Meinung nach etwas hyperaktiv und hatte Konzentrationsprobleme. Ich versuchte, mit Jan darüber zu reden, aber sie wollte es einfach nicht sehen. So versuchte ich, so gut es ging damit umzugehen und ihm zu helfen. Eine ganz besondere Bindung entstand. Mein absolut glücklichster Moment des Jahres war, als ich Michael ins Bett brachte und er beim Hinausgehen zu mir sagte: „Good night, Anja. I love you.“ Es war das erste Mal, dass er das zu mir sagte. Ich glaube nicht, dass jemals jemand schöner „Ich habe dich lieb“ zu mir gesagt hat. Es gibt einfach nichts schöneres, als ein glückliches Kinderherz. Michael und sogar Jessie konnten noch so viel Mist machen, sobald sie mich anlächelten, in den Arm nahmen und mich lieb hatten, verzieh ich ihnen einfach alles. Wenn man seinen Au Pair Job wirklich liebt, fühlt man sich nach einiger Zeit wirklich wie eine Mama.
Auch in meiner Freizeit verlebte ich viele schöne Stunden. Im Dezember gingen viele Au Pairs unseres Clusters und viele neue kamen hinzu, die unsere Freunde wurden. Waren Dani und ich bis dahin meist zu zweit gewesen, verbrachten wir nun viel Zeit mit Tik aus Thailand, Dorte aus Dänemark, Kristin aus Deutschland und Yoliswa aus Südafrika. Nach und nach kamen noch ein paar Mädels aus Brasilien, Island, Frankreich und Südkorea hinzu – wir waren ein bunt gemischter Haufen und genossen besonders die Freitag Abende, an denen wir durch die Clubs der Vororte zogen. Besonders mit Dorte verstand ich mich fantastisch, bald teilte ich mit ihr die Kickboxing-Leidenschaft.
Auch unsere Cluster Meetings waren toll, unsere Counselorin war die beste, die man sich wünschen konnte: Sie war immer für uns da und organisierte alle 4 Wochen ein tolles Treffen, meist bei sich zu Hause, doch immer zu anderen Themen, so dass es sehr spaßig und abwechslungsreich war.
In der Spring Break fuhren die Fitz's und meine Familie gemeinsam mit Dani und mir nach Disney World, Florida. Wir fuhren, wohlgemerkt. 22 Stunden Autofahrt mit fünf Kindern, ein Traum. Die ersten 10 Stunden fuhren Dani und ich in einem Auto mit den Kindern und die Eltern in dem anderen Auto, damit diese sich vor der Nachtfahrt ausruhen konnten. Ich glaube, das waren die anstrengendsten 10 Stunden meines ganzen Jahres! Die Zeit in Florida war toll. Nach 5 Tagen dort fuhr ich mit meiner Familie noch nach Hilton Head, eine Insel vor South Carolina. Dort genossen wir den Strand und die Ruhe. Die Rückfahrt durch die Berge von North Carolina fand ich besonders schön.
Auch sonst unternahm ich einige kleinere Reisen, die beste war mit Abstand das Wochenende in NYC, das ich natürlich mit Dani verbrachte. Es war unglaublich anstrengend, aber atemberaubend toll. Wir guckten uns ganz Manhattan an, gingen tanzen, lernten eine nette Australierin kennen und gingen natürlich shoppen. Eine Leidenschaft, die sich kaum irgendwo besser ausleben lässt als in den USA.
Im April besuchten mich meine Eltern für zwei Wochen, mit ihnen verbrachte ich ein Wochenende an den Niagara Fällen in Kanada. Dort besuchten wir auch meinen Bruder, der zu der Zeit gerade auf einer Farm in Kanada jobbte. Die Niagara Fälle an sich haben mich eher enttäuscht, wie die meisten Menschen hatte ich sie mir größer vorgestellt. Trotzdem verlebte ich auch dort ein traumhaftes Wochenende.
Aus privaten Gründen musste ich meine Zeit als Au Pair leider früher beenden. Von meiner Seite war eigentlich nur ein Monat geplant, doch obwohl meine Familie das schon im November wusste und als relativ problemlos akzeptierte, gab es zu der Zeit, als meine Eltern dort waren, tausend Probleme. Ich habe bis heute nicht verstanden, was plötzlich mit meinen Gasteltern los war, doch eines Tages, als sie gerade beim Abendessen waren und ich im Begriff war, zum Kickbox-Training zu gehen, wurde ich quasi raus geschmissen. Ich sagte :“See you later“ und bekam als Antwort: „Yeah, see you...ah, just that you know, we are officially in rematch now.“ Einfach so, ohne Vorwarnung. Unglaublich. Ich ging zu Dani und heulte, denn so schnell wollte ich eigentlich nicht nach Hause. Mit Dani und meinem Counselor überlegte ich, ob ich die Familie noch einmal wechseln sollte. Eigentlich lohnte sich das aber nicht mehr und mit ziemlicher Sicherheit wäre ich ganz woanders hingekommen. So bin ich zwei Monate vor Ablauf meines Jahres nach Hause geflogen. Von meiner Familie habe ich mich aber im Guten getrennt, am Flughafen haben alle geweint wie verrückt und auch ich war unendlich traurig. Den ganzen Heimflug habe ich immer wieder angefangen zu weinen. Die USA waren mein Zuhause geworden, ich fühlte mich wohl, auch wenn ich zugenommen hatte und viel Fast Food aß, auch wenn meine Familie nicht die einfachste war, auch wenn alle meine Freunde (außer Dani) eine Stunde entfernt lebten, auch wenn ich manchmal Heimweh hatte, ich war glücklich.
Noch heute, fast drei Jahre später, habe ich Heimweh nach Amerika. Ich denke fast jeden Tag an meine Zeit dort und frage mich, wie es meinen Kindern wohl geht, wie sie wohl aussehen. Ich würde alles dafür geben, die Uhr zurück zu drehen und noch einmal Michael vor mir zu haben, wie er ganz lieb fragt: „Can I snuggle with you?“ („Kann ich mit dir kuscheln?“). Einmal noch möchte ich ihn in den Arm nehmen, mit Jessie „Schminken“ spielen, mit Dani ins Kino fahren, mit Dorte tanzen gehen. Meine Familie hat leider den Kontakt etwas einschlafen lassen, doch manchmal denke ich, dass das vielleicht auch ganz gut ist. Es würde ja doch nie wieder so sein, wenn ich sie besuchen würde, wäre ich nur Besuch, und nicht mehr das Au Pair, die Kinder wären nicht mehr meine, würden mich nicht mehr so lieb haben und wären vor allem nicht mehr so, wie ich sie noch in Erinnerung habe und immer behalten werde. Eine Erinnerung, die mir niemand mehr nehmen kann und die ich niemals missen möchte.