Schon bevor ich mit 18 Jahren zum ersten Mal in den Urlaub über den Atlantik flog, stand für mich fest, dass ich einen längeren Zeitraum in den USA verbringen wollte. Vieles an diesem riesigen Land faszinierte mich: Die großen, lebendigen Städte, die unendlichen Weiten und die breiten Highways, die, wenn auch oberflächlichen, super freundlichen Amerikaner mit ihrer Gastfreundschaft und, und, und.
Relativ früh begann ich, mich mit den Organisationen zu beschäftigen, mir Infomaterial zusenden zu lassen und mir die vielen Tipps sowie Erfahrungsberichte im Internet durchzulesen.
Au Pair in America bot ein Vorbereitungstreffen in Hamburg an, zu dem ich mit einer Freundin fuhr. Hier waren Mitarbeiter und Ehemalige zu Gast, die wertvolle Infos weitergaben. Nach dem Treffen waren für mich (fast) alle Zweifel aus dem Weg geräumt und ich konnte es kaum erwarten, endlich durchzustarten.
Meine Unterlagen waren schnell ausgefüllt und an Au Pair in America geschickt, ich brachte mein Interview hinter mich sowie alle weiteren Notwendigkeiten. Jetzt musste ich nur noch auf den ersten Anruf warten.
Natürlich kam dieser völlig unerwartet, so dass ich super nervös war. Nach wenigen Minuten hatte sich die Anspannung jedoch gelegt und wir sprachen sehr lange. Ich hätte der Familie sofort zugesagt, nur leider entschieden sie sich für eine Mitbewerberin. Doch die Enttäuschung währte nicht lang, da einige Tage später die nächste Gastfamilie anrief. Dieses Mal war der Hostdad dran, was mich etwas wunderte. Dieser war aber sehr nett und offen. Ich sprach auch mit dem damaligen Au Pair, und tauschte mit der Familie eMail-Adressen aus, damit sie mir Fotos von sich zusenden konnten. Nach einigen Tagen entschieden wir, ich sollte ihr neues Au Pair werden und somit ging es im Juli 2004 endlich auf die große Reise.
Nach dem Flug, der Orientation und dem ersten Abschied von vielen Au Pairs, die ich während der ersten Tage kennen gelernt hatte, machte ich mich mit dem Zug auf den Weg nach Philadelphia, Pennsylvania. Meine Gastfamilie lebte in einem der Vororte dieser netten Stadt. Mein Hostdad holte mich am Bahnhof ab und fuhr gemeinsam mit mir zu meinem „neuen“ Zuhause.
Meine Au Pair Kids, Gavi, damals sieben Jahr alt und Hanan, zehn Jahre alt, hatten vor mir schon zahlreiche Au Pairs. Ich lernte die beiden jedoch erst ca. eine Woche nach meiner Ankunft kennen und somit verbrachte ich die ersten Tage mit meinen Gasteltern, die mir alles genau erklärten und mit mir die wichtigsten Strecken abfuhren. Nachdem die Kids aus dem Urlaub gekommen waren, ging der Alltag los. Ich verstand mich in den ersten Wochen wirklich gut mit ihnen, brachte sie während der Ferien jeden Tag zum Day Camp und etwas später zur Schule. Doch als diese los ging, begannen auch die Probleme mit Hanan, dem älteren Jungen.
Ich wusste bereits im Vorfeld, dass dieser an Verhaltensauffälligkeiten litt und deshalb täglich Medikamente verabreicht bekam. Dies ist bei vielen amerikanischen Kindern der Fall, aus den unterschiedlichsten Gründen. Normalerweise bekommt man die „Krankheit“ durch Medikamente gut in den Griff, doch bei Hanan schien sich innerhalb von kurzer Zeit der Zustand zu verschlimmern. Er stand morgens nicht auf, blieb zu Hause, ärgerte seine kleine Schwester und mich und wollte immer seinen Willen durchsetzen. Nach ca. 2 ½ Monaten eskalierte die Situation eines Morgens, als wir zwei zu Hause waren, da er mal wieder nicht in die Schule gegangen war. Hanan wurde böse, als seine Mum bei uns anrief und meinte, er solle anstatt Fernsehen zu schauen, doch lieber zur Schule gehen, und schmiss eine der Hanteln seiner Mum im Wohnzimmer umher. Daraufhin hatten meine Gastmutter und ich ein ernsthaftes Gespräch: Sie war der Meinung, dass die Beziehung zwischen ihrem Sohn und mir sich einfach nicht so positiv entwickeln würde wie die mit den Au Pairs zuvor und die Familie wegen seiner Krankheit auf professionelle Hilfe zurückgreifen wollte.
Dank meiner Counselerin fanden sich sehr schnell potenzielle Gastfamilien, die nach einem Au Pair suchten. Das Telefonieren begann aufs Neue und ich hoffte, dass eine passende Familie dabei war. Bereits nach wenigen Tagen stand ich in regem Kontakt mit einer super netten Family im Norden Jerseys. Diese waren Inder, die Mum jedoch lebte bereits seit ihrem vierten Lebensjahr in den Staaten und auch der Hostdad befand sich seit über zehn Jahren dort. Beide hatten zwei Töchter im Alter von 10 und 12 Jahren.
Zusätzlich zu den Telefonaten und vielen eMails lud mich die Hostmum ein, sie besuchen zu kommen, damit wir uns noch besser kennen lernen konnten. Wir waren uns sehr sympathisch und verbrachten einen schönen Nachmittag zusammen. Auch mit den zwei Mädchen, Tara, 12 und Pri, 10 Jahre alt, verstand ich mich richtig gut.
Ich war hin und her gerissen. Ich verstand mich sehr gut mit der Hostmum, doch ein Rematch mit der indischen Familie hätte bedeutet, dass ich rund 100 Meilen von meinen Freunden, die ich gefunden hatte, fortziehen würde. Ich beschloss, dass es hätte schlimmer kommen können und da ich in der Zwei-Wochen-Frist, die man für das Rematch aufgrund von rechtlichen Bestimmungen in den USA erhält, nicht wirklich viel Zeit zum Überlegen aufbringen konnte, sagte ich der Family zu.
Im Oktober 2004 zog ich von South nach North Jersey, in das Gebiet Bergen County, das ca. 20 Autominuten von New York City entfernt ist. Mein Alltag unterschied sich nicht wesentlich von dem in meiner ersten Gastfamilie.
Morgens weckte ich die Mädels, machte ihnen Frühstück und brachte sie zur Schule. Danach waren ihre Zimmer sowie die Laundry (=Wäsche) dran. Wenn ich mit den Aufgaben fertig war, hatte ich bis nachmittags frei.
Tara und Pri sind wie viele amerikanischen Kinder: Sehr offen und neugierig, aktiv, aber auch anstrengend. Schon in meiner ersten Familie hatte ich herausgefunden, dass sich die Kindererziehung in den USA stark von der in Deutschland unterschied. Kinder in den Staaten haben sehr viele Freiräume und so hätte ich einige Entscheidungen meiner Gasteltern sicherlich anders gefällt als sie. Doch glücklicherweise kam ich mit Tara und Pri sehr gut aus, da wir auf einer Wellenlänge schwammen. Auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, die beiden würden mich nicht ernst nehmen und ich kurz vor dem Nervenzusammenbruch stand, machte mir der Job großen Spaß. Tara war eine ehrgeizige Sportlerin, gut in der Schule und wie ihre Schwester immer zu einem kleinen Chat aufgelegt. Pri liebte es, ihre beste Freundin mit zu uns nach Hause zu bringen, sich in den größten Schlammassel und uns später damit immer zum Lachen zu bringen. Nach der Schule fuhr ich die beiden täglich zu den unterschiedlichsten Activities, wie Soccer, Softball, Pfadfindertreffen oder Piano Lessons.
Mit meinen Gasteltern verstand ich mich ebenfalls sehr gut. Beide arbeiteten in New York City und gingen damit früh aus dem Haus und kamen erst abends wieder. Sie riefen meist mehrmals am Tag an, um zu checken, ob alles in Ordnung war und auch ansonsten waren sie sehr auf ihre Kinder bedacht. Da sie unter der Woche nicht besonders viel Zeit für ihre Töchter hatten, versuchten sie dies in jeder freien Minute aufzuholen. An den Wochenenden hatte ich immer frei und auch in den Ferien und an den Feiertagen versuchte meine Hostmum, etwas mit den beiden zu unternehmen.
Meine Gastfamilie fragte mich oft, ob ich an ihren Unternehmungen teilhaben wollte. Dies galt besonders an den Feiertagen. Kurz nachdem ich im Oktober zu ihnen gezogen war, feierten wir Diwali, das indische Weihnachten. Viele Freunde und Familienangehörige kamen in unser Haus und verbrachten den Tag mit uns.
Auch Thanksgiving war sehr indisch angehaucht. Neben dem typisch amerikanischen Turkey gab es viele indische Gerichte. Den wohl bekanntesten amerikanischen Feiertag verbrachten wir bei Freunden meiner Gastfamilie, mit Spielen, Unterhaltung und natürlich ganz viel Essen.
Ein wenig Angst hatte ich vor Weihnachten. Da ich bis dahin noch nie richtig Heimweh hatte, dachte ich, dass es eventuell um diese Zeit des Jahres soweit sein würde, doch Gott sei Dank ließ meine Hostfamily solche Gedanken erst gar nicht aufkommen.
Bereits in meinem alten Ort bei meiner ersten Gastfamilie hatte ich sehr schnell viele Freunde gefunden. Zum Glück war dies auch in Bergen County der Fall. Ich lernte super nette Mädels von überall auf der Welt kennen. Mit ihnen verbrachte ich die Abende unter der Woche in Jersey: Wir gingen zu Starbucks, in die Mall, ins Kino oder einen Bookstore. Für viele von uns waren die Abende eine willkommene Abwechslung, da man sich hier über die Gastfamilien, die Kids und eventuelle Probleme austauschen konnte.
Au Pair in America organisierte einmal im Monat ein Treffen für alle Au Pairs in unserem Cluster. So hatten wir zu Weihnachten ein süßes Dinner, bei dem Geschenke untereinander ausgetauscht wurden, noch in Philly unternahmen wir eine tolle Cruise auf dem Delaware River, im Sommer gab es ein Picknick und wir besuchten sogar eine Broadway Show in NYC.
An vielen Wochenenden organisierten wir Trips: Einmal fuhren wir nach Washington D.C., ein anderes Mal nach Boston oder zur bekannten Universität Princeton. Da es von meiner neuen Gastfamilie ein Katzensprung nach NYC war, verbrachte ich dort viele Tage an den Wochenenden mit Freundinnen und lernte diese Stadt mit ihren Wolkenkratzern, Menschen aus etlichen Nationen und zahlreichen Sehenswürdigkeiten lieben.
Für die meisten ist ein Auslandsaufenthalt ein großer Schritt, ganz egal wie weit sie sich hierbei von ihrer Heimat entfernen. Ich persönlich kann das Jahr als Au Pair mit den Erfahrungen, die ich gemacht habe, an alle, die sich noch nicht sicher sind, was sie nach der Schule machen sollen, die einem völlig anderen Alltag sowie einer neuen Kultur begegnen wollen, nur weiter empfehlen.
Natürlich darf man die Schattenseiten nicht außer Acht lassen und sollte diese sorgfältig in die Vorüberlegungen mit einbeziehen. Als Au Pair übernimmt jede eine große Verantwortung, und das an fünf bis sechs Tagen in der Woche zwischen acht oder neun Stunden. Es kann durchaus zu Problemen kommen, die man als Au Pair selbständig lösen muss. Dies geschieht zudem sehr weit weg von dem eigenen Zuhause, ohne Familie oder Freunde. Man begegnet einer anderen Kultur sowie neuen Menschen und sollte offen und flexibel genug sein, sich auf dies einzustellen. Egal, wie man sich entscheidet: Für welches Land, welchen Bundesstaat, welche Gastfamilie: Man sollte sich bewusst sein, dass das Ganze nur funktionieren kann, wenn beide Seiten bereit sind, miteinander zu leben.
Ich bereue den Schritt nicht, auch wenn ich durch die Probleme in der ersten Gastfamilie und den Wechsel auch schwierige Tage in den Staaten hatte. Gerne denke ich an Vormittage mit chaotischen Zimmern und Bergen von Wäsche, Nachmittage auf dem Fußballfeld oder am Pool sowie Abende im Starbucks mit Freunden und tolle Clubbingtouren in NYC zurück.
Mein Englisch hat sich in den 13 Monaten enorm verbessert. Es war schon vorher nicht schlecht, doch die Umgangssprache lernt man durch den täglichen Umgang mit ihr besser als in jeder Schule. Im Umgang mit neuen Menschen bin ich noch offener und selbstbewusster geworden. Ich habe neue Kulturen und Bräuche sowie eine ganz andere Lebensweise kennen gelernt.
In den Staaten ist mir vor allem eins klar geworden: Gib niemals auf und verfolge deine Ziele!