Aupair in den USA

Erfahrungsberichte/ Yvonne in Washington, Maryland und Boston, Massachusetts

Erfahrungsbericht von Yvonne, Au Pair in Maryland und Massachusetts von 2006 bis 2007

Vorbereitungen auf ein Jahr im Ausland

Schon vor der anstrengenden Lernphase für mein Abitur war mir klar, dass ich vor einem Studium am liebsten erst einmal eine Pause von Schule und Lernen haben wollte – und so entschied ich mich dafür, ein Jahr als Aupair in die USA zu gehen. Zum einen, weil ich schon immer einmal dorthin wollte, zum anderen, weil ein Jahr Aufenthalt in einer amerikanischen Familie mir die Möglichkeit bieten würde, Land und Leute intensiv kennen zu lernen. Ich wollte wissen, ob Amerika wirklich so ist, wie es uns in diversen TV-Sendungen vorgestellt wird. Da ich Kinder sehr gerne mag, bot der Job als Au Pair die beste Gelegenheit zum Kennenlernen der amerikanischen Kultur. New York City, USA

Rechtzeitig begann ich also damit, mich nach einer geeigneten Organisation umzuschauen, ohne die ein Aufenthalt in den USA illegal wäre. Das Internet war meine erste und einzige Anlaufstelle für alle gesuchten Informationen. Die Anzahl der Organisationen, über die man einen legalen Au Pair-Aufenthalt in den USA realisieren kann, war jedoch größer als ich mir vorgestellt hatte, so dass meine Wahl schwieriger war als erwartet: Welche der elf Organisationen würde die richtige für mich sein? Die, bei der ich die wenigsten Gebühren zu zahlen hatte? Oder vielleicht doch lieber die mit den meisten Versicherungen?! Oder doch die, bei der ich den einfachsten Bewerbungsprozess haben würde?!

Ich habe mich letzten Endes für „Interexchange" entschieden, weil ich dort von allem etwas fand: Eine Krankenversicherung, akzeptable Gebühren und ein nicht zu kompliziertes Bewerbungsverfahren. Nun konnte ich mich an die Erledigung der Formalitäten machen: Die schriftliche Bewerbung musste verfasst, ein Termin für das Interview mit einem Mitarbeiter der Agentur abgemacht und ein Visum bei der amerikanischen Botschaft in Berlin beantragt werden. Etwa zwei Monate nach dem Interview wurde ich in das Programm aufgenommen und schon bald folgten die ersten Anrufe aus Amerika.

In welche Familie passe ich am Besten?

Yvonne vor dem Weißen Haus in ihrer neuen Heimat Washington D.C. Der Traum eines jeden Aupairs ist es wahrscheinlich, so wenig wie möglich zu arbeiten und gleichzeitig so viel wie möglich zu erleben. Logisch, dass man während der Telefonate mit der möglichen Gastfamilie die Ohren nach einem „einfachen“ Arbeitsplan spitzt. Ich habe nach dem dritten Anruf „gematched“ (d.h. Familie und Au Pair beschließen, es miteinander zu versuchen). Nun stand fest, dass ich im Anschluss an die Orientierungswoche in New York nach Potomac, Maryland weiterreisen würde, was ca. 20 Autominuten von Washington, D.C. (der Hauptstadt der USA) entfernt ist – einer der Gründe, warum ich mit dieser Familie gematched hatte.

Reisevorbereitungen

Zwei Wochen vor meiner Abreise begann ich mich an die scheinbar unmögliche Aufgabe des Kofferpackens zu machen. Die maximale Freigepäckgrenze lag bei zwei Koffer mit jeweils maximal 23 kg plus einem Handgepäckstück. Nicht gerade viel für 365 Tage. Damit ist allerdings noch nicht das gesamte Problem beschrieben: Was brauche ich für ein Jahr? Koffer packen für einen zweiwöchigen Sommerurlaub stellt für mich keine Herausforderung dar, aber ein Jahr? Von allem etwas, aber wie viel von jeder Sorte? Nach einem groben „Probepacken“ wurde mir bewusst, dass ich niemals die Menge an Klamotten, CDs, Zimmerdekoration etc würde mitnehmen können, welche ich mir vorgestellt hatte und so habe ich mein Gepäck auf ein Drittel der Originalmasse beschränkt. Das war allerdings immer noch zu viel und ich musste letztendlich am Hannoveraner Flughafen ca. 20 € für Übergepäck bezahlen.

Nach einem tränenreichen Abschied von meiner Familie ging es endlich los. Mit gemischten Gefühlen stieg ich in den Flieger nach Frankfurt, von wo aus ich nach New York weiter fliegen sollte. In Frankfurt angekommen passierte die erste Beinahe-Katastrophe: Ich verpasste den Anschlussflug nach New York und musste mich auf dem riesigen Frankfurter Flughafen endlos durchfragen, bis ich endlich jemanden fand, der meinen New York-Flug umbuchte. Am Ende habe ich mit ca. einer Stunde Verspätung endlich den deutschen Boden in Richtung Amerika verlassen können.

In den USA

„Yvonne Meyer: Bitte melden sie sich am Lost and Found“

Au Pairs der Orientation School in New York City Das sind nicht gerade die Worte, die man zehn Minuten nach der Landung in den USA hören möchte. Mir blieb jedoch nichts anderes übrig, als das Lufthansa „Lost&Found“-Büro im Newark Flughafen in New York aufzusuchen, um dort zu erfahren, dass es einer meiner beiden Koffer nicht bis nach Amerika geschafft hatte Daher musste ich mit „leichtem“ Gepäck zum Hotel fahren, das im Stadtteil Manhattan lag. Dort verbrachte ich die nächsten 4 Tage in der „Orientierungsschule“ – und tatsächlich hatte ich am letzten Tag meinen verlorenen Koffer wieder.

Die nächste Beinahe-Katastrophe passierte am Freitag Morgen – dem Tag meiner Weiterreise zur Gastfamilie. Mein Wecker klingelte nicht, so dass ich ohne Dusche und Frühstück mit beiden Koffern im Schlepptau zum Bahnhof rannte, da ich mit dem Zug zu meiner neuen Familie fuhr. Meine Verspätung, die sich mir Nervosität paarte, hinterließ eine unvergessliche Zugfahrt.

Yvonne in New York City

Brad, mein Gastvater, holte mich vom Bahnhof ab und erzählte mir noch im Auto von den Problemen, die der älteste Sohn der Familie machte und seinem Wunsch, ihn in einem Internat unterzubringen. Diese Information empfand ich – in Anbetracht der Tatsache, dass dies unsere erstes Gespräch war – als absolut daneben. Dieses Gefühl wurde durch ein allgemein fehlendes Interesse an mir als Person bestätigt. Weder von den Eltern, noch von den Kindern: Zach (10 Jahre), seiner 14-jährigen Schwester Julia oder deren 15-jährigem Bruder Matt wurde mir ein Grundinteresse entgegen gebracht. Warum sollten sie auch an mir interessiert sein, sie hatten schließlich schon mit 14 Au Pairs vor mir zusammen gelebt und waren alle an das Ankunftsritual gewöhnt.

Das ändert sich bestimmt irgendwann...

Mit diesem Gedanken im Kopf verbrachte ich die nächsten Wochen in Maryland, fand schnell Anschluss, schloss neue Bekanntschaften und besuchte Washington regelmäßig. Allerdings wurde die Internatsidee nach ca. zwei Monaten Realität und ich musste von einem Tag auf den anderen nur noch auf zwei Kinder aufpassen, die fast keine Arbeit machten. Was hätte mir Besseres passieren können, als weniger zu arbeiten?! Ich hatte allerdings nicht wirklich mehr Freizeit, da ich stets auf dem Arbeitsplan stand, auch wenn das hieß, dem „Kleinen“ beim Xbox spielen zu zuschauen.

Weitere Wochen gingen ins Land und inzwischen machte sich der Kulturschock bemerkbar. Ich hatte gewissermaßen einen doppelten Kulturschock, da ich nicht nur in eine amerikanische Familie eingezogen war, nein, es handelte sich um eine jüdisch-amerikanische Familie. Ich wusste natürlich vor meiner Abreise aus Deutschland, dass meine Gastfamilie jüdisch war, hatte aber keinerlei Bedenken. Meine Gastmutter hatte mir am Telefon versichert, dass sie es mit der Religion nicht so genau nehmen würden.

Als wir allerdings Ende September Neujahr („Rosch ha-Schana“) feierten, und das Jahr 5767 begrüßten, war ich einerseits verdutzt, andererseits aber auch gespannt, was noch auf mich zu kommen würde. Allerdings geht es bei der Aupair Idee um genau das: Kulturaustausch, von einander lernen, zusammen arbeiten („au pair“: franz. Im Paar, gemeinsam). Ich hatte die Möglichkeit zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und konnte die amerikanische wie auch die jüdische Kultur gleichzeitig kennen lernen. Zusammen mit meiner Familie flog ich über Weihnachten nach Park City, Utah zum Ski laufen, was einer der besten Skiurlaube war, die ich je gemacht habe. Nur über eine Sache habe ich mich im Nachhinein sehr geärgert: Im Skigebiet hat man mich stets an meinem fehlenden Helm erkannt, was ich zunächst nicht weiter schlimm fand, bis am Ende der Woche endlich jemand die Güte hatte mir zu erklären, dass in Amerika Helme beim Ski laufen Pflicht seien.

Yvonnne in NYC, wo sie Silvester verbrachte Silvester habe ich mit drei Freundinnen am Times Square in New York verbracht, wobei ich im Nachhinein ehrlich sagen muss, dass einmal dabei gewesen zu sein mehr als genug ist. Wir kamen gegen 19 Uhr am Times Square an und haben folglich fünf Stunden auf der Stelle gestanden, um uns um Mitternacht die fallende Kugel anzusehen. Hätten wir unseren Platz verlassen, wären wir nicht wieder durch die strengen Sicherheitskontrollen hinein gekommen. Erfreulicherweise waren wir von Touristen (uns wurde erzählt, dass der typische New Yorker diese Veranstaltung kategorisch ablehnt) aus allen Ecken und Winkeln der Welt umgeben, so dass die fünf Stunden dann doch relativ schnell vergingen. Es wurde sich unterhalten und Erfahrungen über die USA ausgetauscht.

Der Rest des Winters verging wie im Flug. Ich besuchte die regelmäßigen Aupair-Treffen (sogenannte Clustermeetings), sah mir an den Wochenenden zusammen mit einer Freundin die umliegenden Städte (Baltimore, Ellicot City) und „Disney On Ice – 100 Jahre Magie“ an. Unvergessliche Erlebnisse waren sicherlich das NBA Basketballspiel der Washington Wizards und das gemeinsame Konzert von Justin Timberlake und Pink. Unter der Woche besuchte ich zunächst einen Spanischkurs und im darauf folgenden Halbjahr einen Kurs zur Einführung in den Journalismus am Gemeindecollege und hatte somit die Auflagen der Agentur erfüllt (60 Stunden Unterricht beziehungsweise 6 Credits während des kompletten Aupair Jahres).

Die Wende

Eines Tages offenbarte mir mein Gastvater, dass sich die Familie Anfang Juni auf einen „Road-Trip“ begeben würde, auf dem kein Platz für mich sei und ich entweder im Juni die Familie wechseln (für zwei Monate) oder eher nach Hause fliegen könne. Nach Rücksprache mit meiner Betreuerin habe ich mich entschieden, die Familie sofort zu wechseln. Aus mehreren Gründen: Zum einem langweilte ich mich innerhalb der Familie mehr, als dass ich ein erfüllendes Aupair Jahr hatte, zum anderem war die Chance, im Juni eine Familie für zwei Monate zu finden, minimal, da dann die Sommeraupairs anreisen und es so gut wie keine „Rematchplätze“ gibt. Der Hauptgrund aber waren die körperlichen Probleme, unter denen ich mittlerweile litt. Ich fühlte mich nicht mehr wohl und wusste nie so recht, was ich tun sollte, da ich zwar zu Arbeit eingeteilt war, die Kinder aber mit sich selbst beschäftigt waren. Diese Stresssituation hat sich in ständigen Kopf- und Rückenschmerzen widergespiegelt und mir wurde klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Zu diesen Problemen kam ein weiteres hinzu: Vom Flug bis zum Hotel war alles für den Besuch meiner Mutter gebucht – was, wenn ich plötzlich am anderen Ende des Landes eine neue Familie finden würde?!

Zum Glück hatte sich meine Gastfamilie bereit erklärt, mich mindestens bis nach dem Besuch meiner Mutter bei ihnen wohnen zu lassen. Rückblickend waren dies die schlimmsten zwei Wochen, die ich bei ihnen verbracht habe. Ich wurde mehr oder weniger ignoriert und als ich an dem Tag, an dem meine Mutter ankommen sollte, meine Gastmutter zum Flughafen fahren musste, da sie für zwei Wochen nach China flog und die Batterie des Autos plötzlich leer war, wurde ich mit den Worten „Das ist nicht mein Problem, such dir Hilfe von der Security“ verabschiedet.

Yvonnes Mutter zu Besuch in Washington

Der Besuch meiner Mutter hat mich glücklicherweise von den Problemen mit meiner Gastfamilie abgelenkt. Ich hatte die ganze Woche frei und so hatten wir genug Zeit zum Sightseeing. Am Ende der Woche bin ich zu einer Freundin gezogen und nach einer weiteren Woche hatte ich endlich eine neue Familie gefunden, in deren Plan ich perfekt hinein zu passen schien.

Neuanfang

Diese Familie befand sich nämlich auch im Rematch, da ihr Aupair nicht so gut Auto fahren konnte, wie es von meinen neuen Gasteltern gewünscht wurde. Nur vier Tage nach unserem ersten Telefonat zog ich zu meiner neuen Familie nach Bedford, Massachusetts. Bedford ist ca. 15 Autominuten von Boston entfernt, was mir die Gelegenheit gab, in der letzten Hälfte meines Jahres noch mal einen ganz neuen Teil der USA kennen zu lernen. Massachusetts liegt in Neu England und ist somit das Gebiet in den USA, welches vor 300 Jahren als erstes besiedelt wurde. Ergo findet man hier viel europäische Kultur und Architektur.

Sicherlich war der Abschied von meinen Freunden in Maryland schwer, da mein Geburtstag aber nur einen Tag vor meiner Abreise war, konnten wir es „noch mal so richtig krachen lassen“ – natürlich ohne Alkohol, da man in den USA erst ab 21 „trinken“ darf. Wir aßen traditionell amerikanisch im Diner zu Abend und sind dann in einen „unter 21“ Club gegangen, die man hier inzwischen immer öfter findet. Mit Freunden im Diner zum Abendessen

Seit meiner Ankunft Mitte April habe ich die schönen Seiten des Au Pair Lebens kennen gelernt. Die Kinder respektieren mich als Au Pair, wobei besonders die Älteste gleichzeitig eine Art „Freundin“ ist - auch wenn uns während der Orientierungswoche eingetrichtert wurde, dass wir zu den Kindern „friendly“ sein sollten und dies auf keinen Fall mit „friends“ zu verwechseln sei. Die Familie hat mich als Familienmitglied aufgenommen und gibt ihr Bestes, damit ich mich wohl fühle.

Auch wenn ich noch knapp einen Monat vor mir habe, kann ich mir den Tag meines Abflugs nicht vorstellen und denke mit gemischten Gefühlen an die Abreise. Ich freue mich natürlich darauf meine „richtige“ Familie wieder zu sehen und ein Studium zu beginnen. Andererseits habe ich mich nun an die Kinder und Tagesabläufe gewöhnt, neuen Anschluss gefunden und mich richtig eingelebt und würde am liebsten noch ein bisschen länger bleiben. Aber das Jahr ist um und meine Pause kann nicht ewig dauern.

Bevor ich Deutschland verlassen habe, erzählten mir die meisten Menschen, dass sie mich um meinen Mut nach Amerika zu gehen beneiden und sich wünschten, sich „damals, als ich noch keine Kinder und keinen Job hatte“ auch für ein Jahr im Ausland entschieden zu haben. Jetzt, am Ende des Jahres, verstehe ich, was sie meinten. Au Pair in Amerika war bis jetzt die beste Erfahrung, die ich in meinem Leben gemacht habe und ich bin froh, dass ich nach dem Reinfall mit meiner ersten Familie nicht nach Hause geflogen bin, sondern es noch mal auf einen Versuch habe ankommen lassen.

Ich habe allerhand über Land und Leute gelernt, sicherlich schlechte Erfahrungen und Fehler gemacht, aus denen ich aber eine Menge über mich selber gelernt habe. Dieses Wissen würde ich nicht wieder hergeben wollen.

Wer noch Zweifel darüber hat, ob Au Pair das Richtige für ihn und sein Leben ist oder wer Angst vor seinem eigenen Mut hat, dem kann ich nur sagen: „Augen zu und durch die Bewerbung“, denn die Erfahrungen, die man in dieser Zeit macht, kann man weder kaufen, noch durch irgendeinem Erfahrungsbericht vollständig nach empfinden.


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